Admiral James Stockdale

Wenn „positives Denken“ zur Gefahr wird

Positives Denken finden alle gut. Auch in diesem Blog hast du schon gelesen, dass «Gedanken dein Leben bestimmen» oder wie du «negative Gedanken» vermeidest. Doch 90% verstehen unter positivem Denken etwas Falsches, das ihnen nicht weiterhilft, ja in einigen Fällen sogar schadet. Verdeutlichen wir uns das an einer Extremsituation, über die der US-Admiral James Stockdale (Bild) berichtete: Wie überlebt man eine Kriegsgefangenschaft? Wenden wir seine Erkenntnisse anschließend auf unser alltägliches Leben an.

Admiral James Stockdale war der höchstrangige amerikanische US-Kriegsgefangene während des Vietnamkriegs. Als er gefragt wurde, welche Amerikaner die Kriegsgefangenschaft in Vietnam nicht überlebt hätten, antwortet er: «Oh, ganz einfach: die Optimisten. Die Optimisten waren jene die sagten: An Weihnachten werden wir frei sein! Weihnachten kam und ging vorbei. Dann kam Thanksgiving und wieder Weihnachten. Und sie starben an gebrochenem Herzen.» Seine Schlussfolgerung: Man darf auf keinen Fall den Glauben verlieren, dass man es am Ende schaffen wird, aber man braucht genauso die Disziplin, sich den brutalsten Tatsachen der gegenwärtigen Realität zu stellen, wie immer die aussehen mögen.» Mit dieser Einstellung könne man das Abgleiten in Fatalismus einerseits oder einen naiven Optimismus andererseits verhindern. *

Das Schicksal der Kriegsgefangenschaft bleibt glücklicherweise den allermeisten erspart. Wir können jedoch in andere schwierige Situationen geraten: die Arbeit verlieren, das Geld geht aus, eine plötzliche schwere Erkrankung, eine Trennung. Oder wir streben ein hohes Ziel an, eine schwieriges Examen bestehen, die Ehe retten, eine Firma reorganisieren oder einen Sportwettkampf gewinnen.

Viel denken in solchen Situationen auf folgende Weise positiv: «Ich schaffe das schon», «Es wird sicher gut gehen». «In spätestens 3 Monaten habe ich wieder eine Stelle». «Jetzt mache ich diese Chemo-Therapie. Der Arzt sagt, mein Chancen sind mehr als 90%.» «Ich büffle jetzt jeden Tag 3 Stunden, damit ich das Examen bestehe.»

Was ist falsch daran?

  1. Allgemeines Wunschdenken ist nicht glaubhaft («Wird sicher gut gehen.»). Du wünschst dir das, ja. Aber woher willst du es wissen? Du versuchst es dir einzureden. Die Seele nimmt dem Verstand jedoch keinen Bluff und keine Sprüche ab. Die Möglichkeit des Scheiterns besteht ganz einfach. Wenn du sie auszuklammern versuchst, kostet das viel Aufwand und die Seele bleibt verunsichert. Gefühle und Gedanken an den Misserfolg schleichen sich unweigerlich wieder ins Bewusstsein.
    Behalte daher deinen Wunsch als lebendiges Ziel vor Augen, scheue dich gleichzeitig nicht, einen negativen Ausgang zu berücksichtigen. Sag dir beispielsweise: «Ich kämpfe für mein Leben und werde mich wieder vollkommen gesund fühlen. Sollte das nicht möglich sein, werde ich auch in der verbleibenden Zeit ein gutes Leben führen.»
  2. Zeitliche Limiten sind kontraproduktiv («In 3 Monaten habe ich spätestens wieder eine Stelle»). Der Verstand will damit die Ängste deiner Seele beruhigen. Der Begriff «spätestens» ist ein typisches Wort der Verstandeswelt. Warum in 3 Monaten? Könnte es nicht schon vorher sein?? Oder ist es nicht wichtiger, dass du die richtige Stelle findest, statt eine gerade innert 3 Monaten? Wenn nämlich nach 3 Monaten kein Ergebnis vorliegt, wirst du enttäuscht sein und vielleicht den Mut ganz verlieren wie die Kriegsgefangenen, von denen Stockdale berichtete.
    Sag dir darum lieber: «Ich finde rechtzeitig die richtige Stelle!»
  3. Unnötige Vorgaben und Details beschränken deine Erfolgschancen («Ich büffle jetzt jeden Tag 3 Stunden…»). Ganz klar, man muss sich vorbereiten auf ein Examen, eine gewisse Disziplin ist nötig. Doch gibt es nicht andere Möglichkeiten, die auch wichtig oder noch hilfreicher sind? Freude am Lernen? Die Dinge verstehen? Hilfe erhalten? Sich unverhoffte Vorteile zu Nutze machen?
    Sag dir darum lieber: «Ich gehe total gut vorbereitet an die Prüfung. Das Lernen mach mir Freude. Ich verstehe die Zusammenhänge und behalte alles Wichtige im Gedächtnis.» Lass es offen, wie genau das geschehen soll oder entscheide von Fall zu Fall. An einem Tag magst du vielleicht länger als 3 Stunden lernen, weil du fit bist und es gut läuft. An einem andren kann eine Pause angezeigt sein. Vielleicht begegnen dir Kommilitonen/innen, mit denen zusammen du in der Gruppe leichter lernst. Oder du besuchst freiwillig ein Seminar beim Professor, der dich examinieren wird. Sicherlich bleibt das nicht unbemerkt ;-). Und natürlich erfährst du mehr über seine Denkweise und seine Themen.
    Das Ziel bleibt immer dasselbe und ist 100%ig realistisch: Du gehst gut vorbereitet an die Prüfung! Doch du lässt dir alle Möglichkeiten offen, wie du am besten an dieses Ziel gelangst. Darunter auch solche, die du jetzt noch gar nicht kennen kannst.

Die kreative und lockere Art der Lebensführung, die ich in diesem Blog vorschlage, hat nichts mit dem Aufsetzen einer «rosaroten Brille» zu tun. Das Scheitern bleibt eine reale Möglichkeit. Lerne stattdessen, deine Wünsche in glaubhafte Vision umzuformen! Das ist nicht immer ganz einfach. Viele müssen erst lernen, sich vom beruhigenden, naiv-optimistischen Denken zu lösen, ohne deswegen in Pessimismus zu verfallen. Erlerne ein realistisches positives Denken!

* Sherwood Ben: Wer überlebt? Warum manche Menschen Grenzsituationen überleben, andere nicht. Riemann, 2009

3 thoughts on “Wenn „positives Denken“ zur Gefahr wird

  1. Hallo, deine Überlegungen klingen plausibel. Ich habe einiges davon auch in deinem Buch schon gelesen. Du schreibst, dass zeitliche Limiten kontraproduktiv sind . Oft ist man aber darauf angewiesen, dass etwas in einer bestimmten Frist funktioniert. Jemand, der ohne Arbeit ist, muss zum Beispiel in einer bestimmten Frist eine Stelle finden, sonst geht ihm das Geld aus. Auch im Management lernt man, dass zu einem Ziel immer ein Datum gehört, damit man zielstrebig daraufhin arbeitet. Wie ist das zu vereinbaren?

    1. Hallo Reto, es ist richtig, dass wir es gewohnt sind, Ziele mit einem Datum zu verbinden. Doch frage dich, wie oft diese Termine überschritten werden oder sich anderswie als illusorisch erweisen! Sie sind oft willkürliches Wunschdenken oder Ausfluss von Befürchtungen. Im geschäftlichen Umfeld machen sie eher Sinn. Bei persönlichen oder Lebenszielen schaffen sie einen Druck, der kontraproduktiv wirkt und viele in Hoffnungslosigkeit zurücklässt, wenn ein Termin ohne Ergebnis verstreicht. Der tiefere Sinn von Zielvorstellungen besteht darin, dein Unterbewusstsein und deine Umgebung zu überzeugen, dass du dieses Ziel willst, ihm geine gute „Ausstrahlung“ zu geben. Wie es genau in Erfüllung gehen soll, kannst du oft im Moment noch gar nicht wissen, somit auch nicht genau wann. Diese Entwicklung überlässt du mit Vorteil deinem Unterbewusstsein (deiner Intuition). Darin liegt eines der grössten Erfolgsgeheimnisse: die Unterscheidung zwischen Ziel und Weg. In meinem Buch „Steuere dein Leben“ widme ich diesem Thema ein ganzes Kapitel. Lies dort mehr darüber. https://www.omnino-verlag.de/document/333833
      Ersetzte fixe Termine lieber durch flexible, aber letztlich für dich auch gute Zeitangaben („im richtigen Moment“, „wenn es für mich am besten ist.“ usw.). Ich wünsche dir viel Erfolg damit.

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