Bettlerin

Wie reagierst du auf diese Bettlerin?

«Wegschauen und vorbeigehen!», «Wohl eine rumänische Zigeunerbande, die gewerbsmäßig auf Mitleid’» macht.», «Ich lasse mich zu nichts drängen», «Aber vielleicht hat es die Frau wirklich nötig?», «Gib mal 50 Cents, da machst du nichts falsch», «Müsste sich nicht das Sozialamt um solche Menschen kümmern?», «Ich habe ja gar kein Kleingeld bei mir 😉» Was bedeuten solche Reaktionen?

Die Frau sass vor ein paar Wochen vor einem Einkaufscenter. Beim ersten Vorbeigehen schossen mir ähnliche Gedanken durch den Kopf. Ich ging weiter. Während des Einkaufens dachte ich über die Begegnung nach. Woher stammen solche Reaktionen?

Es handelt sich um eine Standardsituation: Man wird mit etwas Neuem, Unerwartetem konfrontiert, eine Entscheidung ist erforderlich. Unser Gehirn vergleicht blitzschnell mit genetisch verankerten Regeln (z. B. «Was sich am Boden bewegt, kann gefährlich sein») und mit individuellem Erfahrungen («Diese Frau hast du doch auch schon gesehen») und kommt zu einem simplen emotionalen Resultat: Angreifen oder fliehen, essen oder ausspucken, gut oder schlecht.

Das automatische emotionale Bewerten ist eine evolutionäre Errungenschaft. Sie konnte unseren Jäger- & Sammler-Vorfahren das Leben retten. Auch heute liegen wir mit dem «Bauchgefühl» oft richtig, beispielsweise, wenn an einer unübersichtlichen Kreuzung am Rand des Sehfelds eine Bewegung auftaucht und wir und instinktiv auf die Bremse treten. Oder wenn wir einem Menschen nicht trauen, ohne zu wissen warum.

Doch was nützt der Mechanismus im Falle der Bettlerin? Zunächst führt er zu einer Entscheidung: Kooperation oder Flucht, etwas spenden oder vorbeigehen. Hinzukommt allerdings, dass wir es in der Regel nicht dabei belassen. Unser Verstand meint, die Entscheidung auch noch analysieren und begründen zu müssen. Pros und Kontras tauchen auf. Wir suchen nach Rechtfertigungen; dabei helfen uns Vorurteile («Alle Zigeuner sind doch irgendwie Gauner»). Werturteile mischen sich ein, Emotionen geraten in Konflikt oder gewinnen die Oberhand. All diese nachfolgenden Geschehen bewegt uns, ist aber ohne Nutzen, es gibt der Situation lediglich eine unnötige emotionale Bedeutung.

Gäbe es eine Alternative? Ja, die gefühlsmäßige Entscheidung akzeptieren (spenden oder vorbeigehen), nicht mehr darüber nachdenken, der Begegnung keine besondere Bedeutung beimessen. Vorteil: Im Moment effizient. Nachteil: Wiederholte Entscheidungssituationen verlangen nach einer Verarbeitung (für das nächste Mal), die emotionalen Blitzreaktionen verursachen sonst Stress oder verfestigen sich zu starren Vorurteilen. Verhaltensanpassung oder Lernen unterbleibt.

Die bessere Alternative: Nach der ersten unvermeidbar emotionalen Reaktion versuchen, etwas auf Distanz gehen, sich von emotionalen Handlungsimpulse befreien, Werturteile zurückstellen, versuchen, eine objektive, nicht wertende Position einzunehmen. Etwa so: «Ok, die Frau bettelt. Ich weiß nichts über sie. Ihre Kleider deuten auf Zigeuner. Betteln ist ihr Weg, den Lebensunterhalt zu bestreiten. Eine Alternative hat oder sieht sie offenbar nicht. Ich verdiene meinen Unterhalt auf andere Weise. Ich bin frei, ob ich etwas geben will oder nicht. Wenn ich gebe, dann ohne Mitleid oder Gönnerhaftigkeit. Wenn ich nichts gebe oder nichts geben kann, dann ohne schlechtes Gewissen oder Rechtfertigung.»

Was halten Sie von dieser Herangehensweise? Im Buddhismus entspricht eine solche Haltung dem moralischen Gebot des „Nicht-Anhaftens». Es wird übersetzt mit Gelassenheit und Gleichmut. Eine gewisse Distanz zur Welt halten, sich nicht von der einen oder andere Seite vereinnahmen lassen, emotionalen Verstrickung und Werturteile vermeiden.

Andere Autoren sprechen vom Tiefhalten der «Wichtignahme». Vergleiche dazu das Kapitel „Wichtignahme tief halten“ in meinem Buch . Diese Haltung hilft uns, leichter, entspannter durchs Leben zu schreiten, ohne die oft verwirrenden emotionalen Auf und Abs. Wir werden objektiver und gelangen zu vernünftigeren Entscheidungen. Nicht verwunderlich, dass uns diese auch erfolgreicher macht. Ich werde das Tiefhalten der Wichtignahme in einem weiteren Beitrag noch ausführlicher behandeln. Doch sicherlich ahnst du schon jetzt, dass geringe Wichtignahme eine nützliche Sache ist. Versuche diese Haltung einzunehmen, wenn du das nächste Mal mit etwas Neuem konfrontiert wirst oder dich etwas emotional stark beansprucht. Beispiele:

  • Eine kontroverse Diskussion am Fernsehen: Nimm weder für die eine oder anderes Seite vorschnell Partei. Höre vorurteilslos zu. Versuche die Argumente beider Seiten zu verstehen. Bilde dir, sofern nötig,  deine Meinung aus der Distanz. Behalte dir aber auch vor, keine Meinung zu haben. Du bist nicht so «wichtig», dass du alles beurteilen können musst. Falls du eine Meinungsposition einnimmst, unterstelle auch der Gegenseite lautere Motive (wenigstens bis zu Beweis des Gegenteils). Ereifere dich für nichts.
  • Du erwartest eine Entscheidung, beispielsweise, ob du eine bestimmte Stelle bekommst. Reduziere die Wichtignahme für dieses Ereignis. Natürlich, du wünschst dir die Stelle und du brauchst sie vielleicht. Sei dir trotzdem bewusst, dass nicht dein gesamtes Fortkommen von dieser Entscheidung abhängt. Geh davon aus, dass sowohl Zu- und Absage ihre guten Seiten haben und dass auch bei einer Absage Alternativen existieren. Lebe mit dem ruhigen und sicheren Gefühl: Beides kann richtig sein. Ich bleibe der / dieselbe. Ich bin nicht so „wichtig“ und „allwissend“, dass ich absolut weiß, was für mich in der Situation das Beste ist.

Übrigens, beim zweiten Vorbeigehen habe ich mich mit der Bettlerin unterhalten. Sie sprach französisch, sie komme aus Bulgarien, lebe in Frankreich. Das Leben sei schwer. Ihre Aussagen klangen authentisch. Geschäftstüchtig war sie auch. Für das Foto, um das ich sie bat, wollte sie 50 Euro. Ich bot 5 Euro, worauf wir uns nach einem 10-minütigen Gespräch auch einigten. Das nächste Mal wird meine Begegnung lockerer ausfallen. Ich weiß noch immer, dass ich eigentlich nichts über sie weiß, immerhin so viel: Geschäftstüchtig ist sie. Entweder gebe ich darum mit gutem Gewissen nichts. Oder ich spende, weil ich kann und als Würdigung einer etwas anderen Art, den Lebensunterhalt zu verdienen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.